Der Bibliothekar


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Ein Bibliothekar. Eine Bibliothekarin.
Was stellen Sie sich darunter vor?

Einen verstaubten älteren Herrn hinter verstaubten älteren Büchern?
Eine blaustrümpfige Brillenträgerin, streng und zugeknöpft?

Den gebildeten Bücherwurm, Hüter kultureller Schätze?

Die freundliche junge Frau, die Ihnen kürzlich in der Stadtbibliothek das Regal mit der juristischen Literatur gezeigt hat?

Den Herrn, mit dem Sie sich so angeregt über Second Life unterhalten haben?



Ihr Bild entspricht Ihren Erfahrungen und damit auch der Wirklichkeit.




Nein: nur einem Teil der Wirklichkeit.
Es gibt in Deutschland gut 20.000 Bibliothekarinnen und Bibliothekare - etwa 80 Prozent sind Frauen.

Viele sind Angestellte im Öffentlichen Dienst, andere arbeiten für Verbände, Unternehmen, Anwaltskanzleien oder Kirchen. Bibliothekarinnen arbeiten in Schulbibliotheken und Archiven, wissenschaftlichen Institutsbibliotheken und Informationszentren. Bibliothekare üben ihre Tätigkeit in Dokumentationsstellen und Musikbibliotheken aus, in winzigen Stadtteilbibliotheken und großen Forschungsbibliotheken; sie arbeiten im Lektorat oder in der Auskunft, am Online-Katalog oder in der Datenverarbeitung; sie erwerben Bücher, gedruckte und elektronische Zeitschriften, sie organisieren Ausstellungen und planen Kooperationen, entwickeln und realisieren medienpädagogische Programme, beraten und recherchieren, unterstützen Lehre und Forschung. Manche von ihnen sehen immer noch aus wie im Bilderbuch, andere hingegen wie Manager oder EDV-Freaks, und das sind viele heute auch.

Um es kurz und trocken zu sagen: Bibliothekare sind Spezialisten für die Beschaffung, Verwaltung und Nutzbarmachung von Informationen. Was bedeutet das aber konkret?

Das Buch und der Leser, die elektronische Zeitschrift und die Nutzerin - sie stehen immer im Mittelpunkt, aber ganz besonders dort, wo Bibliothekare und Benutzer sich direkt begegnen: an der Auskunft, bei der gemeinsamen Datenbankrecherche, an den Regalen, bei der Nutzung der Bibliothekswebseite, bei der Ausleihe und bei der Einführung in den elektronischen Katalog. Wo "Markt" und "Produkt" in Kontakt treten, wird die Leistungsfähigkeit der Bibliothek offenbar, und für die meisten Bibliothekarinnen und Bibliothekare erweist sich hier auch erst der Reiz ihres Berufs.

Ob in der Öffentlichen Bibliothek Schüler und Bibliothekarin im persönlichen Gespräch dem Lesewunsch oder der benötigten Information näher kommen, ob die Wissenschaftlerin per e-mail eine Recherche in Auftrag gibt oder online ein Medium aus einer entfernten Bibliothek bestellt - immer geht es darum, Angebot und Nachfrage möglichst punktgenau zueinander zu bringen.

Wissen im materiellen - und heute auch zunehmend immateriellen, also elektronischen - Sinne zu erwerben, einen Bestand an Information oder Unterhaltung aufzubauen, nicht im eigenen, sondern in einem übergeordneten Interesse: damit beginnt jede Bibliothek. Erwerben heißt Auswählen - mit Rücksicht auf einen gewachsenen Bestand, vor allem aber im Interesse der Nutzer und ihrer Informationsbedürfnisse. Die Auswahl wird von zwei Polen bestimmt. Da ist auf der einen Seite der knappe Etat, auf der anderen das immer rascher wachsende Informationsangebot in gedruckter Form, kostenpflichtig elektronisch oder frei im Internet. Unter diesen Bedingungen entwickeln Lektorat und Erwerbungsabteilungen ihre Kriterien, die der ständigen Überprüfung und Entwicklung unterliegen.

Die Spezialistinnen in den Bibliotheken, die solche Entscheidungen treffen, haben den Bestand ihrer Einrichtung vor Augen, sie kennen den Medien- und Informationsmarkt, vor allem aber ihre Nutzer und deren Interessen. Sie wissen, was Marketing bedeutet, und betreiben eine moderne, zielorientierte Einkaufspolitik. Ohne Kooperationen geht es dabei nicht: sei es die Teilnahme an einem Einkaufskonsortium oder die Mitarbeit in der Lektoratskooperation des BIB. Dass hierfür auch betriebswirtschaftliches Wissen notwendig ist, liegt auf der Hand.

Schneller als man es sich versieht, hat man als Bibliothekarin eine Leitungsfunktion inne: für die Erwerbungsabteilung, für eine 2-3 Personen-Bibliothek oder für ein Digitalisierungsprojekt. Was bedeutet "Leitung" im Bibliotheksbereich? Zunächst gilt es, auch bei hoher Arbeitsbelastung nicht den Blick für die Entwicklungen außerhalb der eigenen Bibliothek zu verlieren: welche bildungspolitischen Fragen werden gerade heiß diskutiert? Wie ändern sich die Förderstrukturen im Hochschulbereich? Vor welchen Problemen steht die Kommune in den nächsten 10 Jahren? Wohin entwickelt sich die Informationstechnologie? Welche neuen Dienstleistungsideen kommen aus England, USA oder Singapur?

Für die eigene Bibliothek müssen daraus langfristige Perspektiven, Strategien und Pläne entwickelt werden, die auch einmal mit altgewohnten Denkweisen brechen und unpopuläre Entscheidungen erfordern. Leiten heißt auch Führen: Personal und Kolleginnen motivieren, Ziele setzen, Konflikte moderieren. Der Leiter einer Bibliothek muss stark nach außen orientiert sein, Kontakte zu anderen Kultureinrichtungen, der Hochschul- und Stadtverwaltung pflegen und die politischen Gremien kennen.
Denn eines ist klar: ohne Interessenvertretung und Lobbyarbeit läuft die Bibliothek schnell Gefahr, aus dem Blickfeld der Unterhaltsträger zu verschwinden.

Eine Bibliothek muss mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen gemanagt werden. Bibliothekare haben sich längst ans Rechnen und Kalkulieren gewöhnt, an Begriffe wie Leistungsmaximierung, Produktivität, Gewinn- und Verlustrechnung. Und nicht zuletzt hat die Bibliotheksleitung auch immer häufiger mit juristischen Fragestellungen zu tun: sei es, um Verträge und Angebote zu prüfen oder um die Fallstricke des Urheberrechts zu vermeiden.